Die Verfassunggebende französische Nationalversammlung arbeitet eine Erklärung der Menschenrechte aus. Nach Zeiten der Unterdrückung hat man sich schon oft darauf besonnen, daß es ein gewisses Maß von Rechten gibt, das unantastbar bleiben sollte – zunächst aus Gründen der Religion, die in jedem Menschenantlitz den Bruder erkennt, später aus den Vorstellungen des Naturrechts heraus, daß dem Menschen Rechte angeboren sind, die kein Staat beschränken dürfe, und schließlich nach den bürgerlichen Begriffen von der Würde der Menschen, die leidet, wenn gewisse Freiheiten verletzt werden. Schon einmal hatte eine französische Nationalversammlung, eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ausgearbeitet. Es war zu Beginn der Französischen Revolution. Diese Proklamation der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 ist immer als eine große geistige Tat empfunden worden, nicht nur in Frankreich, sondern weit über dessen Grenzen hinaus. Wenn in Deutschland weite Kreise eines erwachenden Bürgertums von der Französischen Revolution begeistert wurden, wenn Schiller an den Beginn einer neuen, besseren Zeit glaubte, wenn Kant mit freudiger Ungeduld die neuen Zeitungen mit den Berichten aus Paris erwartete, so war es zu einem erheblichen Teil deshalb, weil es bei den Ereignissen in Frankreich um eben diese Menschenrechte ging. – oder, vorsichtiger ausgedrückt, weil die Zuschauer des gewaltigen Görens in Paris glaubten, daß es um sie ginge.