Das Thema der "Antigone" ist die "Kollision" zweier sittlicher Mächte: Familienliebe und Staatsgesetz. So definiert es Hegel, und er deutet den metaphysischen Sinn der Tragödie als die Vernichtung der Individuen, die sich zur Verwirklichung je einer dieser Mächte aufgeworfen haben, wobei eben diese Vernichtung die wahrhafte Gerechtigkeit darstellt. Die letzten Worte des Chors, die Mahnung, weise zu sein und Ehrfurcht zu haben vor den Göttern, sind der Schlüssel zu dieser Erklärung. Der zeitlose Konflikt, die Schönheit der Sprache, die "Gewalt der Komposition, der Reichtum der Gedanken ergreifen den Hörer heute wie in alten Zeiten. Und doch bleibt uns die geistige Welt der Tragödie – wie bei allen antiken Dramen –, Inhalt sowohl wie Form, fremdartig und schwer zu begreifen.