Wie ein anderes, fast nicht minder bewegtes Jahrhundert sich gewissenhaft die Frage nach "dem Berufe unserer Zeit zur Gesetzgebung" vorlegte, so bangen wir heute vor der Frage nach dem Berufe unserer Zeit zur Demokratie. Sie für jetzt oder auch nur für eine nahe Zukunft unbedenklich zu bejahen, hieße nicht nur die gerade hinter uns liegenden Jahre, sondern überhaupt die politische Entwicklungsgeschichte unseres Volkes zu vergessen.

Die Parteien sind es, mit denen das demokratische Leben in Deutschland nun wieder beginnen soll. Unverkennbar ist schon heute der Fortschritt gegenüber dem Viel-Parteien-System der Weimarer Demokratie. Zunächst hatte die Zurückhaltung in der Zulassung von Parteien durch die Besatzungsmacht die Aufsplitterung in kleine und kleinste Parteien und Gruppen verhindert. Die ersten Wahlen in der amerikanischen Zone legen aber den Schluß nahe, daß eine noch stärkere Konzentration dem Willen der Wählerschaft entspricht. Zwei große Parteien sind sichtbar hervorgetreten: die Sozialdemokraten, die in Hessen führen, und die Christlich-Demokratische Union, die in Bayern an der Spitze der Wahlergebnisse steht. Beide lassen sich auf Parteien der Weimarer Republik zurückführen. Die neue Sozialdemokratische Partei betrachtet sich nicht nur als Nachfolgerin der alten SPD, sondern über ihre Tätigkeit in der Illegalität geradezu als fortbestehend. Die Christlich-Demokratische Union dagegen möchte, alle Parteien rechts der Sozialdemokratie, also die frühere Zentrumspartei, in Bayern die Bayrische Volkspartei, mit den Demokraten, der Staatspartei, der Volkspartei, ja sogar den Kreisen der früheren Deutschnationalen und Volkskonservativen auf sich vereinigen. Hoffnung der Christlich-Demokratischen Union ist es also, die große bürgerliche Partei zu werden, die als Massenpartei den Sozialisten gegenübertreten könnte. Das war 1919 noch nicht möglich, weil sich damals das Bürgertum angesichts der republikanischen Frage sogleich spaltete. Die 1919 zunächst sehr starke Demokratische Partei, die Republik voll bejahend, stellte sich hinter das Symbol Schwarz-Rot-Gold, das von der Rechten, der Deutschnationalen Partei und der Volkspartei, mehr oder minder deutlich eine monarchische Restauration erstrebend, mit Schärfe abgelehnt wurde. Auch setzte damals das Zentrum, das seine in der Zeit des Kulturkampfes bezogene Stellung nicht aufgeben wollte, seine Politik aus der Kaiserzeit mit nur leicht nach links verändertem Kurs fort.