Von JAN MOLITOR

Manchmal, beim Vorübergehen, blicken sie in erleuchtete Fenster. Sie sehen vielleicht einen runden Tisch, ein Stück Bücherregal, ein Stück Tapete. Sie sehen ein paar Quadratmeter eines freien Raumes, auf dem sich keine Menschen dringen. Sie spüren die Atmosphäre von Freiheit innerhalb vier behüteter Wände. Und sie haben dabei das würgende Gefühl von Hungernden, die an einem gefüllten Bäckerladen vorüberkommen. Dann gehen sie "heim" in den Bunker.

Am Eingang hängt noch die Verordnung über das Verhalten bei Fliegeralarm. Obwohl diese Zeiten lange genug vergangen sind, hat man versäumt, den Aushang wegzunehmen. Vielleicht aus Gleichgültigkeit, vielleicht aber auch, weil sich niemand berechtigt dazu fühlte in diesem Kreise der Unberechtigten. Überhaupt ist das Interesse allgemein ganz anders, das man täglich dem nächsten Aushang entgegenbringt: den Portionen der Nahrungsmittelzuteilung Da wird von "Kalt-" und "Warmverpflegung" und von "Kaffeetassen" gesprochen, als sei man beim Militär. Sie leben auch kartenlos wie beim Militär, die Bunkerleute, aber es ist sicher, daß sie die gleichen Verpflegungssätze erhalten, die sich die anderen Menschen, die Wohnungs- oder Unterkunftbesitzenden, in ihrer mehr oder minder bürgerlichen Freiheit auf Karten kaufen können. Daneben wird zweimal täglich "heißes Wasser" angekündigt, als sei auch dies ein Nahrungsmittel. Das dritte Plakat am Bunkereingang’ aber ist die Ankündigung einer Puppenhandbühne. die für Bunkerinsassen billige Karten oder gar Freiplätze bereithält So scheint es, daß ein einziger für die Leute im Bunker noch etwas übrig hat. und dies ist das Kasperle.